psychologische Beratung und Kinesiologie, Peter Fischer, lic.phil.I, Biel

Psychologisches Sonntags-Häppchen Nr. 62

Thema Selbstwert: Wann sind Selbstwertkonzepte schädlich?

Bin ich wert­voll? Zur Beant­wor­tung die­ser Fra­ge benutzt der Mensch Regeln, Kri­te­ri­en und Bedin­gun­gen, anhand derer er die eige­ne Wer­tig­keit bestimmt. Sie bil­den sein «Kon­zept», also den Rah­men, um sei­nen Selbst­wert zu eva­lu­ie­ren und zu bil­den.

Selbst­be­wer­tun­gen und Selbst­ein­schät­zun­gen sind grund­sätz­lich etwas Nor­ma­les. Der Mensch ver­sucht durch Selbst­ein­schät­zung sei­nen Rang inner­halb der Bezugs­grup­pe zu bestim­men. Es gibt aber Selbst­wert­kon­zep­te – wie gesagt: Regeln, Kri­te­ri­en und Bedin­gun­gen – die für den Auf­bau eines gesun­den Selbst­wer­tes alles ande­re als nütz­lich sind. Eine Bewer­tung, die sich nur auf ein bis zwei Kri­te­ri­en abstützt, berück­sich­tigt nur einen sehr begrenz­ten Lebens­aus­schnitt. Sie ist des­halb wenig dif­fe­ren­ziert, son­dern ist pau­schal und gene­ra­li­siert. Pau­scha­li­sie­ren­de Bewer­tun­gen stüt­zen sich oft auf inne­re, seit Kind­heit „ein­ge­fleisch­te“ Hal­tun­gen. Bei­spie­le: „Wer mehr weiss, ist bes­ser“, „Wer Schwä­che zeigt, ist ein Ver­lie­rer“, „Wer abge­lehnt wird, hat kei­ne Zukunft“, „Wer Feh­ler macht, taugt zu nichts“. Pro­ble­ma­tisch sind Kri­te­ri­en, die nicht sta­bil sind, Para­de­bei­spiel hier­für ist die Schön­heit. Schön­heit ist ver­gäng­lich. Ein Selbst­wert, der sich dar­auf abstützt, wird im Alter zum Pro­blem.  Ver­su­chen wir den Selbst­wert durch Aner­ken­nung und Beliebt­heit zu fes­ti­gen, besteht die Gefahr, dass wir uns lang­fris­tig von ande­ren abhän­gig machen. Aus­ser­dem wird Aner­ken­nung nicht immer aus­ge­spro­chen oder gezeigt. Wer sei­nen Selbst­wert durch Leis­tung defi­niert, wird viel Zeit und Ener­gie inves­tie­ren müs­sen, um die­sem Mass­stab genü­gen zu kön­nen. Er/sie wird dar­auf bedacht sein, mög­lichst kei­nen Feh­ler zu machen. Pro­ble­ma­tisch ist auch der Ver­gleich mit ande­ren Men­schen: «Nick ist viel sport­li­cher wie ich, er hat auch einen bes­se­ren Job». Jeder Mensch ist ein Uni­kat. Ver­gleicht man sich mit jemand ande­rem, so ver­gleicht man stets «Äpfel mit Bir­nen».

Wer sich schrift­lich eine Art „Selbst­wert­bi­lanz“ erstel­len will, kann sich von Anja, einer 17-jäh­ri­gen jun­gen Frau, inspi­rie­ren las­sen. Sie hat ihre Bilanz mit fol­gen­dem Sys­tem gemacht: „Ich habe kei­nen Freund, das emp­fin­de ich als nega­tiv und dies mit einer Wich­tig­keit von 100%;  Ich habe zwei gute Freun­din­nen (posi­tiv, 80%); ich bin zu dick (nega­tiv, 75%), ich bin streb­sam, set­ze Zie­le um (posi­tiv, 75%); beim Essen habe ich zu wenig Selbst­dis­zi­plin (nega­tiv, 60%); mein Lachen und mein Humor (posi­tiv, 60%); mei­ne Freu­de an Tie­ren und an der Natur (60%) … Anjas Selbst­be­ur­tei­lung ist klug: Sie ist nach ein­zel­nen Gesichts­punk­ten dif­fe­ren­ziert, rea­li­täts­ge­recht und nicht pau­scha­li­siert, weil sie nicht den gesam­ten Selbst­wert von einem ein­zel­nen Kri­te­ri­um abhän­gig macht.

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